Deutschlands nächster Astronaut

Alexander Gerst ist Mitglied der jüngsten Astronautenstaffel der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Seit 2009 bereitet er sich für seine erste Mission im All vor. Für „Spektrum neo“ Nr.1 besuchten ihn die drei neo-Reporter Ferdinand (10), Louisa (12) und Lukas (15) im Trainingszentrum. Als Ergänzung zu dem großen 8-seitigen Interview im Heft „Unser Universum“ findet ihr hier weitere Fragen der drei – und die Antworten von Alexander Gerst. 

Die neo-Reporter treffen Alexander Gerst

Die neo-Reporter Louisa, Lukas und Ferdinand (von links) mit Alexander Gerst im Nachbau des Columbus-Labors der ISS. (Foto: DLR/Mareike Knost)

Herr Gerst – wie kamen Sie auf die Idee, Astronaut zu werden?

Ich war schon immer neugierig und wollte wissen, wie etwas funktioniert und wie man es auch anders machen könnte. Ich habe als Kind hinter jeden Baum und unter jeden Stein geschaut, um zu sehen, was da ist. Wir Menschen sind eine Spezies von Entdeckern.Heute ist der Mond für uns drei Tagesreisen weit entfernt. Das ist so viel wie früher von Köln nach München mit der Postkutsche. Und da sind Menschen auch sofort hingefahren, um die Gegend zu erkunden. Unsere Neugier bringt uns weiter.

Als die „Challenger“ 1986 explodierte und alle sieben Astronauten starben, waren Sie neun Jahre alt. Haben Sie da geweint?

Das war natürlich schlimm. Ich habe mit meinem Opa vor dem Fernseher gesessen. Schon damals hatte ich gedacht, ich würde so gerne mal mitfliegen in den Weltraum. Es war sehr traurig: Gerade noch hatten die Astronauten beim Einstieg gewunken, und kurz darauf war keiner mehr am leben. Aber an der Sache habe ich deshalb nie gezweifelt – im Gegenteil: Diese Astronauten haben ihr Leben für die Erkundung des Weltraums riskiert, und jeder einzelne von ihnen würde sicher gerne wollen, dass wir diese Mission fortsetzen!

Alexander Gerst zeigt den neo-Reportern, wie man ein Modell der russischen Sojus-Kapsel am die ISS andockt.

Alexander Gerst zeigt den neo-Reportern, wie man ein Modell der russischen Sojus-Kapsel am die ISS andockt. (Foto: DLR/Mareike Knost)

Was muss man können, um Astronaut zu werden?

Die Weltraumorganisationen ESA und NASA suchen keine absoluten Überflieger als Astronauten, die wirklich alles super gut können, denn so jemanden gibt es nicht. Sondern es ist wichtig, dass man alles ganz okay kann, und vor allem auf keinem Gebiet schlecht ist. Es bringt also nichts, wenn man Kopfrechnen kann wie ein Weltmeister, aber zum Beispiel nicht gut Englisch spricht. Oder wenn man ein 1a-Gedächtnis hat, aber keinen Joystick bedienen kann.

Sie sind im Basistraining einmal 24 Stunden lang zu sechst auf einem winzigen Boot allein auf dem Meer herumgegondelt. Ein andermal mussten sie tagelang ohne Essen durch den Wald laufen. Warum?

So ein Überlebenstraining machen alle Weltraumorganisationen mit ihren Astronauten. Sollte eine Astronautencrew einmal mit ihrer Kapsel nicht an der vorgesehenen Stelle landen, sondern sich plötzlich zum Beispiel irgendwo mitten in der Wildnis in Kasachstan befinden dann ist klar, es dauert vielleicht bis zu drei Tagen bis Hilfe kommt. Daher ist es gut, wenn jeder so eine Situation schon erlebt hat. Man lernt sich dabei selbst besser kennen – merkt zum Beispiel, wozu man noch fähig ist, wenn man seit drei Tagen nichts mehr gegessen hat. Da war ich ziemlich erstaunt, dass ich tatsächlich noch arbeiten konnte, noch weit laufen konnte, noch klar denken konnte. Ich fühlte mich zwar sehr matt, aber es ging. Es ist auch wichtig, dass jeder Astronaut durch so ein extremes Training erfährt, wie er in der Gruppe reagiert: Bin ich vielleicht pampig? Muss ich mir mehr Mühe geben, um freundlich zu den anderen zu sein?

Alexander Gerst beantwortet eine Frage von neo-Reporterin Louisa.

Alexander Gerst beantwortet eine Frage von neo-Reporterin Louisa. (Foto: DLR/Mareike Knost)

Kann man auf der Erde üben, wie man im Weltall aufs Klo geht?

Nicht richtig, denn wir haben hier unten ja keine Schwerlosigkeit. Allerdings üben wir schon auf der Erde, wie das Weltraum-Klo prinzipiell verwendet wird, welche Knöpfe man drücken muss – ja sogar wie man es repariert, wenn es kaputt geht.

Verlassen Sie sich immer blind auf die Technik?

Nein, das wäre nicht sehr weise. Man lässt ja auch die Bremsen von seinem Auto regelmäßig überprüfen. Sonst würde das nicht lange gut gehen. Vor allem nicht, wenn man eines der kompliziertesten Projekte der Welt betreibt– die internationale Raumstation ISS. Deswegen gibt es in der Weltraumfahrt immer neben einem Plan A auch einen Plan B, falls etwas schiefgeht, ja sogar einen Plan C und D. Als Astronaut muss ich stets wissen: Wenn etwas kaputt geht, wie kann ich es dann ersetzen? Wie muss ich reagieren? Was mache ich zum Beispiel, wenn ein Feuer auf der ISS ausbrechen sollte oder wenn das Lebenserhaltungssystem ausfällt? All das müssen wir im Training lernen.

neo-Reporter Ferdinand darf ein Experiment machen: Wie viel Sauerstoff verbraucht er beim Atmen?

neo-Reporter Ferdinand darf ein Experiment machen: Wie viel Sauerstoff verbraucht er beim Atmen? (Foto: DLR/Mareike Knost)

 

Wie wichtig sind Roboter für die Raumfahrt?

Sehr wichtig – wenn man zum Beispiel einen neuen Planeten besuchen will, schickt man eine Sonde voraus. Das ist ein Roboter. Man weiß noch nicht, wie hoch der Druck in der Atmosphäre ist, wie sie sich zusammensetzt, ob es da am Ende gefährlich ist. Um solche Fragen zu klären, schickt man die Sonde los.

Reichen dann nicht auch Sonden? Warum müssen Menschen ins All fliegen?

Was hat man denn davon, wenn man nicht selbst hinterherfliegt? Was hätte Kolumbus davon gehabt, wenn er eine unbemannte Sonde über den Atlantik geschickt hätte? Er hätte gewusst: Schön und gut, da gibt es ein anderes Land. Aber reicht uns das? Menschen sind neugierig, wir wollen selbst nachschauen!

Alexander Gerst hat Geophysik studiert. Bevor er Astronaut bei der ESA wurde, erforschte er Vulkane.

Alexander Gerst hat Geophysik studiert. Bevor er Astronaut bei der ESA wurde, erforschte er Vulkane. (Foto: DLR/Mareike Knost)

Glauben Sie, dass es Außerirdische gibt?

Ich weiß es nicht. Aber ich würde es gern wissen. Nehmen wir an, wie fliegen zum Mars und finden da fossile Bakterien – also Bakterien, die früher lebten, jetzt aber schon lange tot sind. Das würde bedeuten, dass es einmal Leben auf dem Mars gab. Dann gäbe es zwei Möglichkeiten: Entweder, dieses Leben war ähnlich wie das auf der Erde: auf DNA basiert, also auf Aminosäuren. Dann hätten dieses Leben und unser Leben auf der Erde höchstwahrscheinlich einen gemeinsamen Ursprung. Oder das Leben auf dem Mars wäre komplett anders als unseres. Dann hätten wir auf dem erstbesten Planeten, den wir erreichen, sofort ganz neue Lebensformen gefunden. Das könnte darauf hindeuten, dass das Universum voll von Leben ist!

Wie stellen Sie sich Aliens vor?

Das ist schwer zu sagen. Schon auf der Erde hat sich das Leben so vielfältig entwickelt. Wissenschaftler haben Bakterien gefunden, die in drei Kilometer Tiefe in Ölreservoiren leben. Die haben noch nie die Sonne gesehen! Manche Würmer leben einen Kilometer unter der Erde. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie das Leben sonst noch sein könnte. Auf einem großen Planeten zum Beispiel wäre die Schwerkraft größer, die Lebewesen dort würden also stärker zum Boden hingezogen. Wir Menschen könnten dort kein Bein vor das andere setzen, weil die Anziehung so stark ist. Die Bewohner eines solchen Planeten wären deshalb vermutlich viel kleiner als wir. Es könnte sogar sein, dass wir fremdes Leben noch nicht einmal erkennen würden, wenn es sich vor unserer Nase befindet. Wir müssen also immer offen für neue Entdeckungen sein!

Alexander Gerst erklärt den neo-Reportern die Auswertung ihres Andock-Manövers.

Alexander Gerst erklärt den neo-Reportern die Auswertung ihres Andock-Manövers. (Foto: DLR/Mareike Knost)

Was kostet ein Flug auf die ISS?

Das ist schwierig auszurechnen. Es hängt davon ab, was man alles mit einrechnet. Ob man etwa sagt: Die Rakete kostet soviel, der Treibstoff kostet soviel usw. Was man besser sagen kann ist, dass jeder Bürger der ESA-Länder einen Euro pro Jahr für die bemannte Raumfahrt zahlt. Also ungefähr so viel wie für eine oder zwei Packungen Kaugummi. Und für alles, was die ESA insgesamt macht, zahlt jeder ESA-Bürger jährlich zehn Euro, soviel wie einmal ins Kino gehen. Dafür kriegen wir dann die Fahrten zur Raumstation, die Forschungsergebnisse, Satellitenbilder für den Klimaschutz und Katastrophenhilfe, Satellitennavigation, Wettervorhersage, Satellitenfernsehen, verbessertes Mobiltelefonnetz usw. Ich finde, das ist ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis!

Was machen Sie als erstes, wenn Sie nach ihrer Mission wieder auf der Erde sind?

Das weiß ich noch nicht. Wahrscheinlich will ich dann das sehen, was ich am meisten vermisst habe – den blauen Himmel vielleicht, den Wald, Bäume, Regen. Und natürlich will ich meine Freunde wieder treffen. Die erste Zeit nach der Mission wird sehr anstrengend sein. Weil man sechs Monate in der Schwerelosigkeit verbracht hat und sich die Muskeln daran gewöhnt haben. Plötzlich zieht einen die Erde dann wieder gnadenlos wieder zu Boden, und der Körper muss sein eigenes Gewicht wieder zu tragen lernen.

Die Fragen stellten die neo-Reporter Ferdinand, Louisa und Lukas.

NAch dem Interview war Alexander Gerst so nett, 10 "Spektrum neo"-T-Shirts zu signieren. Ihr könnt eines davon gewinnen, wenn ihr den Fragebogen zu Heft Nr.1 ausfüllt!

Nach dem Interview war Alexander Gerst so nett, 10 "Spektrum neo"-T-Shirts zu signieren. Ihr könnt eines davon gewinnen, wenn ihr den Fragebogen zu Heft Nr.1 ausfüllt! (Foto: DLR/Mareike Knost)

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