Erlebnisbericht von der World Robot Olympiad 2013

In Spektrum neo Nr. 8 haben wir Marcel und Fynn aus Nettetal interviewt. Die beiden haben 2013 bei der internationalen Roboter-Weltmeisterschaft WRO (World Robot Olympiad) den Sonderpreis der Jury gewonnen. Wie ist es, an so einem Wettbewerb teilzunehmen? Hier lest ihr den ausführlichen Erlebnisbericht.

Februar 2013

Das Thema der World Robot Olympiad 2013 steht fest: „Das Welterbe“. Damit ist unser gesamtes kulturelles Erbe gemeint, mit dem wir heute leben und das wir zukünftigen Generationen überliefern werden. In der „Open Category“ (auf Deutsch „offene Kategorie“) der WRO gilt es diesmal ein Robotermodell zu bauen, bei dem sich alles um den Schutz oder den Erhalt des Welterbes dreht. Das Ganze soll durch einen Lego-Mindstorm-Roboter gesteuert werden – es besteht sogar die Möglichkeit, an der Weltmeisterschaft in Jakarta teilzunehmen.

Das klingt spannend! Und schon schießen uns 1001 Ideen durch die Köpfe. Wir, das sind Fynn (mittlerweile 11 Jahre alt) und Marcel (12 Jahre) aus Nettetal. Schnell steht für uns fest: Wir wollen teilnehmen!

Zechenführung Fynn und Marcel beim Besuch der "echten" Zeche Zollverein in Essen. © Tanja Simons / Birgit Niedrich

Zechenführung
Fynn und Marcel beim Besuch der „echten“ Zeche Zollverein in Essen.
© Tanja Simons / Birgit Niedrich

Erst einmal suchen wir uns ein Weltkulturerbe. Am besten eins in der Nähe. Da wir am Niederrhein zu Hause sind, haben wir einiges zu Auswahl: Die Dome in Köln und Aachen, der römische Limes und die Zeche Zollverein. Eine Zeche – so nennt man im Ruhrgebiet ein Bergwerk – hat viel mit Technik zu tun. Also ist schnell geklärt, womit wir uns beschäftigen wollen!

April 2013

Bevor wir mit dem Bau unseres Roboters anfangen können, müssen wir erst einmal herausfinden, was die Zeche Zollverein genau ist. Also nutzen wir die Osterferien und fahren einfach mal mit unseren Eltern hin. Erst machen wir eine Führung mit „unserem“ Führer Heinz durch die alten Anlagen: die Kohlenwäsche, riesige Sortieranlagen, ewig lange Förderbänder, der hohe Förderturm – wir stellen Fragen über Fragen. Danach sprudeln die Ideen nur so aus uns heraus.

Wieder zu Hause, beginnen wir mit den ersten Planungen. Wir wollen die Zeche nachbauen und sie damit bekannter machen! Schnell einigen wir uns darauf, dass Fynn sich an den Förderturm wagt und Marcel die Förderbänder nachbauen will.

Am Tüfteln Marcel und Fynn beim Bau der Lego-Zeche. © Tanja Simons / Birgit Niedrich

Am Tüfteln
Marcel und Fynn beim Bau der Lego-Zeche.
© Tanja Simons / Birgit Niedrich

Danach gibt es kein Halten mehr. Unsere Lego-Zeche wächst und wächst. Bald steht der Förderturm, hinzu kommt ein Abbaugebiet „unter Tage“. Von dort transportieren Loren die Deko-Kohle zum Förderturm. Wir bauen eine Kohlenwäsche und Bänder, um die Kohle zu den wartenden LKWs zu transportieren. Alles aus bunten Legosteinen, gesteuert über verschiedene Sensoren. Berührungsmelder etwa öffnen Luken, Farbsensoren setzen Förderbänder in Gang. Ein Ultraschallsensor löst den Mechanismus des Förderturms aus.

Förderband Ein Steinchen Deko-Kohle wird vom Förderband auf eine Rutsche gekippt. © Tanja Simons / Birgit Niedrich

Förderband
Ein Steinchen Deko-Kohle wird vom Förderband auf eine Rutsche gekippt.
© Tanja Simons / Birgit Niedrich

Gesteuert wird unsere Roboterzeche von zwei Lego-Mindstorm-Modulen. Um die Programmierung kümmert sich hauptsächlich Marcel. Fynn widmet sich derweil dem Verschönern des Förderbergwerks. Kleine Fotos der echten Zeche werden an den entsprechenden Lego-Arealen befestigt, Kohlesteinchen werden verteilt, Arbeits- und Steuerungsplätze aufgebaut – und ein kleiner Park mit Bäumen und einer Besuchergruppe findet auch noch Platz. Wie auf der richtigen Zeche. Und wenn man genau hinschaut, sieht man auch uns beide: einmal als Lego-Männchen und einmal auf einem Foto hoch oben auf der Plattform des Förderturms.

Nach zweieinhalb Monaten sind wir fertig. Jetzt muss noch eine Projektmappe erstellt werden und einen Film müssen wir auch noch drehen.

8. Juni 2013

Wir fahren nach Dortmund zum Deutschlandfinale der WRO. Hier kämpfen die besten Teams der „Regular Category“ um die Plätze für das Weltfinale in Jakarta (das ist die Hauptstadt von Indonesien). In dieser Wettbewerbskategorie sind feste Parcours und Aufgaben vorgegeben. Die Teams müssen Roboter bauen, die genaue diese Aufgaben möglichst schnell und effizient bewältigen. Wir fiebern mit, fachsimpeln über die Roboter und nutzen die Chance, unsere Bewerbungsunterlagen für die offene Kategorie direkt vor Ort abzugeben.

18. Juni 2013

Besuch hat sich angekündigt: Philip Kißmer und Markus Fleige von „Technik Begeistert“, dem Verein, der die deutsche WRO organisiert. Sie wollen sich unsere Zeche einmal „live und in Farbe“ ansehen. Jetzt wird es spannend.

23. Juni 2013

Die Bewerbung Die erste Seite der Bewerbung von Team Nettetal für den deutschen Wettbewerb der WRO 2013. © Tanja Simons / Birgit Niedrich

Die Bewerbung
Die erste Seite der Bewerbung von Team Nettetal für den deutschen Wettbewerb der WRO 2013.
© Tanja Simons / Birgit Niedrich

Philip und Markus sind da. Wir stellen den beiden unsere Zeche vor und erklären, wie alles funktioniert. Die beiden hören interessiert zu. Und dann verkünden sie, dass später an diesem Abend ja die Gewinner der „Open Category“ bekannt gegeben würden und dass sie uns jetzt schon verraten wollen, welche Platzierung wir gemacht haben. Nanu! Sie machen es spannend … Zuerst gibt es für jeden von uns eine Teilnahmeurkunde. Und dann rollen Markus und Philip plötzlich ein riesiges Plakat aus.

Wir trauen unseren Augen nicht. Da steht „Team Nettetal“ – das sind wir! – hat den 1. Platz gewonnen und somit die Startberechtigung für das Weltfinale in Jakarta erhalten. Wie bitte? Wir haben gewonnen?! Es gibt kein Halten mehr, wir tanzen über den Teppich. Erst nach dem ersten Jubel kommt uns der Gedanke: Wie sollen wir die Zeche bloß nach Jakarta kriegen?

Juni bis November 2013

Jetzt kommt noch mehr Arbeit auf uns zu. Wir müssen eine neue Mappe und einen neuen Film anfertigen, diesmal auf Englisch. Von unserer Schule müssen wir uns für den Wettbewerb beurlauben lassen, denn der liegt gerade zu Beginn des neuen Schuljahrs. (Lustig: Fynn wechselt erst nach den Ferien in die 5. Klasse des Werner-Jaeger-Gymnasiums – noch keinen Tag dagewesen und schon Sonderurlaub! Marcel ist schon an derselben Schule.) Sponsoren müssen wir auch suchen, Flüge und Hotel buchen.

Doch das größte aller Probleme bleibt: Wie bekommen wir die Zeche verpackt und – noch wichtiger – in Jakarta wieder aufgebaut? Wir machen hunderte Fotos, damit wir jedes Detail wieder genau nachbauen können. Bringen Markierungen an, nehmen alles auseinander, und dann ist sie verpackt, die Zeche Zollverein aus Lego. In zwei Koffertrolleys, die klein genug sind, dass wir sie mit ins Handgepäck nehmen können – schließlich wollen wir sie ja nicht auf den langen Flug verlieren!

12.-13. November 2013

In Jakarta Vor dem Wettbewerb ist erst mal eine Stadtbesichtigung angesagt. © Tanja Simons / Birgit Niedrich

In Jakarta
Vor dem Wettbewerb ist erst mal eine Stadtbesichtigung angesagt.
© Tanja Simons / Birgit Niedrich

Jetzt geht es endlich los. Zunächst fliegen wir von Amsterdam nach Abu Dhabi und von dort aus nach Jakarta. Wir sind total aufgeregt. Auf diesen Moment haben wir lange gewartet. Rund 25 Stunden später sind wir dann endlich da. Es ist abends 22 Uhr Ortszeit in Jakarta, es ist heiß und ziemlich schwül. Uns fällt sofort das Verkehrschaos in der Stadt auf, dass uns die nächsten Tage begleiten wird. Was für ein Lärm!

14.-15. November 2013

Die nächsten zwei Tage haben wir Zeit, uns ein wenig Jakarta anzuschauen und den Jetlag zu überwinden. Laut, voll, chaotisch, aber sehr faszinierend hier! Wir besichtigen eine riesige Moschee, fahren zum Staatsmonument (einem hohen Turm – leider können wir nicht rauf, da der Aufzug kaputt ist), schlendern durch die Stadt, und abends im Hotel geht es in den Swimmingpool.

Am 15. November fahren wir dann nachmittags zum Veranstaltungsort. Nun gilt es, die Zeche wieder aufzubauen und unseren Stand zu dekorieren. Nach etwa fünf Stunden haben wir es geschafft: Jedes Steinchen ist wieder an seinem Platz und alles funktioniert sogar reibungslos. Der Wettbewerb kann kommen.

16. November 2013

Wettbewerbstag! Zunächst einmal gibt es eine Eröffnungsshow. Mit vielen folkloristischen Tänzen, Gesängen und langen Reden. Dann wird die WRO vom Präsidenten des Wettbewerbs zusammen mit dem indonesischen Minister für Tourismus offiziell eröffnet. Hoch über unseren Köpfen schwebt ein Zeppelin mit WRO-Logo – wow!

Beim Wettbewerb Reger Besucherandrang vor der Lego-Zeche - Fynn und Marcel müssen ganz genau erklären, wie ihr Roboter funktioniert. © Tanja Simons / Birgit Niedrich

Beim Wettbewerb
Reger Besucherandrang vor der Lego-Zeche – Fynn und Marcel müssen ganz genau erklären, wie ihr Roboter funktioniert.
© Tanja Simons / Birgit Niedrich

Dann geht es zurück zu unserer Zeche und wir bereiten alles für die zwei Jurorenrunden vor. Wir müssen zunächst einmal einen kleinen Vortrag halten, über uns und über die echte Zeche Zollverein. Danach zeigen und erklären wir, wie unser Modell funktioniert und wie wir die Programmierung gelöst haben. Danach stellen die Juroren noch Fragen.

Eigentlich können wir so was ganz gut, doch hier müssen wir das alles auf Englisch machen, es ist ja ein internationaler Wettbewerb mit Teams aus über 40 Ländern. Aber mit Hilfe von unseren Spickkärtchen und ein bisschen Übersetzungshilfe kriegen wir sogar das hin.

17. November 2013

Heute sind nur noch Wettbewerbe in den anderen Kategorien. Wir zeigen und erklären unsere Zeche den vielen Besuchern und kriegen viele nette Kommentare in unser Zechen-Gästebuch. Außerdem haben wir endlich Zeit, uns die anderen Stände einmal anzugucken, den anderen deutschen Teams die Daumen zu drücken und sie anzufeuern, Interviews zu geben, und uns mit anderen Kindern anzufreunden. Mit einem japanischen Team tauschen wir unsere Deutschland-Kappen gegen japanische Sitzkissen.

Jubelnde Sieger Das gesamte deutsche Team war bei der WRO 2013 so erfolgreich wie nie zuvor. © Technik Begeistert e.V.

Jubelnde Sieger
Das gesamte deutsche Team war bei der WRO 2013 so erfolgreich wie nie zuvor.
© Technik Begeistert e.V.

Am späten Nachmittag ist dann die Siegerehrung. So aufgeregt waren wir noch nie! Haben wir überhaupt eine Chance gegen die vielen tollen Projekte, die wir gesehen haben? Nein, wir sind nicht unter den ersten acht, sondern im Mittelfeld gelandet. Schade – aber eigentlich doch ganz gut. Wir sind zufrieden. Doch dann wird plötzlich doch noch unser Teamname aufgerufen. Wir haben einen Sonderpreis gewonnen! Und zwar den „Favoritenpreis der Jury“ in unserer Altersklasse. Wow … das ist der erste Preis bei einer WRO, der nach Deutschland geht! Wir sind mächtig stolz und freuen uns riesig über unseren Erfolg. Ein anderes deutsches Team holt in seiner Altersklasse sogar eine Bronzemedaille und auch die anderen Teams hatten gute Platzierungen. Somit war das Team Deutschland bei der WRO 2013 in Jakarta richtig erfolgreich!

18. November 2013

Trauminsel Nach dem Wettbewerb ist noch ein Tag Erholung drin - dann geht es wieder in die Schule. © Tanja Simons / Birgit Niedrich

Trauminsel
Nach dem Wettbewerb ist noch ein Tag Erholung drin – dann geht es wieder in die Schule.
© Tanja Simons / Birgit Niedrich

Zum Abschluss unseres Jakarta-Abenteuers haben wir uns dann noch einen Ausflug zu einer der tausend kleinen Inseln vor Jakarta verdient. Weißer Sandstrand, kristallklares, türkisfarbenes Wasser, Palmen, Leguane und strahlend blauer Himmel. Wir verbringen den Tag mit schnorcheln, faulenzen und Entdeckungstouren über die kleine Trauminsel. Danach geht es per Speedboot wieder zurück ins Hotel, und ein paar Stunden später endet unser aufregendes Erlebnis WRO  2013: Wir fahren zurück zum Flughafen. Nach zwei langen Flügen und 20 Stunden sind wir wieder zu Hause, todmüde, aber glücklich.

Dezember 2013

Wir versuchen es nochmal. Wir haben uns für die WRO 2014 angemeldet. Das Thema diesmal: Roboter im Weltall! Im Juni sind wir beim Deutschlandfinale in Dortmund dabei und wer weiß … vielleicht schaffen wir es ja noch einmal ins Weltfinale, dieses Jahr nach Sochi in Russland? Ideen haben wir schon wieder ganz viele! Aber: Dabei sein ist alles und egal, auf welchem Platz wir zum Schluss landen – es macht auf jeden Fall riesigen Spaß! Doch wenn ihr uns ein bisschen die Daumen drücken wollt, könnte das sicher nicht schaden …

Mehr Informationen über uns findet ihr auf unserem Blog: http://teamnettetal.tumblr.com/.

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