Wo Kriege tobten und heute Kräne bauen

Immer mehr Menschen leben in Städten, sie prägen unsere Erde. Ihre Entwicklung benötigt immer eine Art Motor. Da lohnt es sich doch mal, genauer nachzuforschen. Experten erzählen uns, was eine Stadt antreibt. Heute, früher – sowie in der Zukunft.

Ein grauer, ziemlich verregneter Tag. Es dringt kein Sonnenlicht durch die Wolken. Wir haben viele Fragen im Gepäck, während wir den immerhin gut asphaltierten Philosophenweg hoch wandern. Es dauert länger als gedacht, doch endlich finden wir unsere Experten. Gemeinsam mit Geograf Peter Meusburger und Architektin Karoline Becker lassen wir den Blick über die Stadt schweifen.

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© Wissensschreiber/ Paula Hanel

Es ist ein perfekter Platz, um die Altstadt kennen zu lernen. Mit gutem Blick auf das Schloss beginnt Peter Meusburger, uns etwas darüber zu erzählen, wie Heidelberg sich entwickelt hat. Wir beginnen ganz am Anfang, bei der ersten Erwähnung 1196. Die Gründung als Stadt könnte allerdings schon früher stattgefunden haben. „So ein Datum festzulegen ist immer schwierig – wann soll man Jubiläum feiern?“ scherzt Meusburger.

In dieser Zeit wurden in Deutschland viele Städte gegründet. Bedeutend wurde Heidelberg aber erst, als die Herrscher das Schloss als Residenz nutzten. „Der Kurfürst wollte Wissenschaftler, die seine Macht unterstützen – Wissen und Macht waren immer schon verbunden,“ bemerkt Peter Meusburger. Heidelberg ist ein typisches Beispiel für eine Stadt, die mit dem Wissen gewachsen ist; hier entstand auch 1386 die erste Universität des heutigen Deutschlands.

„Es muss eine Funktion da sein,“ meint Meusburger. Und das ist auch der Grund, wie Dörfer zu Städten wachsen. Er fügt mit Blick auf zahlreiche Kriege und Machtkämpfe im Lauf der Jahrhunderte hinzu: „Als der Fürst nach der Zerstörung des Schlosses Anfang des 18. Jahrhunderts beleidigt wegzog, war auch wirtschaftlich kaum noch etwas los. Die Stadt fiel in einen Dornröschenschlaf.“

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An einer Schautafel zeigt uns Karoline Becker, wie sich die Stadt von Osten nach Westen weiter entwickelte; im Osten waren die Berge des Odenwalds im Weg. Es geht mit unserer Zeitreise weiter – und vom Philosophenweg hinunter. Wir gehen über die alte Neckarbrücke und durch das Stadttor, wo man heute keinen Zoll mehr entrichten muss. Peter Meusburger meint jedoch, dass die alte Wohnung des Zollwärters noch heute genutzt wird. Wir entfliehen dem schlechten Wetter. Auf dem Weg in die Mensa überschreiten wir die „Grabengasse“. Hier lag früher die Grenze des Stadtkerns.

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Die Weltkriege haben vor allem deutsche Städte stark geprägt; Heidelberg ist ein Beispiel. Damals wurde die Stadt nicht bombardiert, da die USA hier ihr Hauptquartier einrichten wollten. Noch heute sind fünf Kasernen übrig, inzwischen jedoch verlassen. Viele Kriegsflüchtlinge hofften hier, Unterkunft zu finden, da die Häuser ja nicht zerstört wurden. Hinzu kamen noch die Familien der amerikanischen Soldaten. In der Einwohnerzahl erlebte Heidelberg deshalb ironischerweise ausgerechnet durch den Krieg einen regelrechten „Boom“.

Mit dem Bus geht es weiter zum Bismarckplatz. Karoline Becker erklärt uns, wie Stadtplaner von dieser Stelle aus nach dem zweiten Weltkrieg ein modernes Heidelberg entwickeln wollten. „Der Bismarckplatz ist ein gutes Beispiel dafür, wie Stück für Stück alte Häuser zerstört wurden, um dafür moderne Gebäude zu bauen, die man damals für schick und fortschrittlich hielt.“ Sie deutet auf ein Hochhaus. „Dort war früher der Bahnhof, ein Kopfbahnhof, in dem die Züge einige Zeit stehen mussten, bevor sie wieder heraus fahren konnten. Das führte zu längeren Wartezeiten und Problemen.“ Sie erläutert, wie der Bahnhof in den 1950er Jahren verlegt wurde. Die Stadt wuchs also erneut nach Westen. Allerdings hatten bis dahin die beiden Weltkriege den Bau um 50 Jahre verzögert.

Wir laufen die Strecke entlang, auf der früher eben diese Bahnlinie entlang führte. Heute verläuft dort eine mehrspurige Straße. „Ich glaube, bei der Planung Heidelbergs ist in den letzten 50 Jahren viel schief gegangen. Seht ihr hier irgendwo eine Spur von Zukunftsvisionen?“ Tatsächlich sehen wir sehr wenig davon.

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© Wissensschreiber/ Paula Hanel

Kann man denn überhaupt eine perfekte Stadt planen? „Man hat es immer wieder versucht, aber ob es geglückt ist, entscheidet sich erst viel später. Eine Stadt sollte sich besser Stück für Stück entwickeln,“ erklärt die Architektin, und Peter Meusburger fügt hinzu: „Jede Zeit hat außerdem ihre eigenen Idealvorstellungen gehabt.“

Und was, wenn bei der Stadtplanung etwas schief geht? Die Architektin antwortet: „Learning by doing! Man versucht mit vielen Beteiligten, den besten Weg zu finden. Wenn es nach vielen Jahren nicht funktioniert, überlegt man sich etwas anderes. Ein besseres Rezept gibt es wohl nicht.“ Wir schauen uns um und sehen, was Becker meint, als sie hinzufügt, dass viele Stellen nicht gelungen sind. Am Kreisverkehr, wo wir uns gerade befinden, drängeln sich Autos und Busse, wir verstehen kaum, was unsere Experten uns gerade erklären. Selbst die Neubauten an der Straße sehen langweilig und grau aus. Wir fragen, woraus man Häuser in der Zukunft bauen könnte. Für den Fall relativ kleiner Häuser meint Peter Meusburger, dass viele wieder aus Holz errichtet würden. „Es geht zurück zum natürlichen Rohstoff.“ Und Karoline Becker ergänzt, dass es beispielsweise an Beton nichts auszusetzen gebe, außer dass er viel Kälte hindurch lässt. „Wir brauchen langlebige Baustoffe, aber auch energieeffiziente.“

Wenn man nun energieeffizientere Häuser baut, umweltfreundlicheren Strom benutzt oder neue Formen der Mobilität durchsetzt, wie wird das Heidelberg verändern – und die Städte der Welt? „Die Stadt wird beispielsweise mit Elektroautos ganz anders aussehen als bei Autos mit Verbrennungsmotoren. Und es wird sich auch wesentlich anders anhören.“ Sie berichtet auch von aktuellen Plänen, weitere Teile der Stadt mit einer Straßenbahn zu erschließen. „Ein Fortbewegungsmittel, das vor mehr als hundert Jahren erfunden wurde. Man könnte sich ja auch fragen, ob es nicht eine ganz andere Möglichkeit gäbe, die Leute dorthin zu befördern.“
Werden sich die Heidelberger in 30 Jahren also mit fliegenden Autos zwischen Wolkenkratzern bewegen? Am Boden mit Magnetschwebebahnen? In energieeffizienten Hochhäusern wohnen, in denen Gewächshäuser die Einwohner mit Nahrung versorgen? Wie die Stadt der Zukunft aussieht, das mag keiner der beiden voraussagen. Fest steht: Heidelberg wird noch einige Entwicklungsschritte tun. Wahrscheinlich nicht nur in Richtung Westen.

Definition einer Stadt
Ja, was macht eine Stadt denn wirklich zu einer Stadt? Das ist schwieriger zu erklären als man denkt. Ein gutes Beispiel dafür ist die kroatische „Stadt“ Hum. Dort leben nur 20 Menschen, aber der Ort besitzt trotzdem das Stadtrecht. Das macht eine Stadt zu einer Stadt, egal wie klein sie heute ist, denn hat ein Ort es einmal erhalten, verliert er es nicht mehr. Eine Stadt zeichnet sich auch durch die Menschen aus, die dort leben, und durch ihre Berufe und Herkunft. In einer Stadt haben unterschiedliche Firmen ihren Sitz, es gibt viele verschiedene Arbeitsplätze und Einrichtungen. Andere Faktoren können auch eine Rolle spielen, etwa eine hohe Einwohnerzahl, oder dass viele Menschen auf kleinem Raum leben.

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© Wissensschreiber/ Mike Beckers

Dieser Artikel entstand beim Wissensschreiber-Workshop zum Thema “Unsere Erde” im September 2014. Die Autoren der Reportage sind Paula Hanel, Robert Killenberger und Thomas Schneider. Der Spektrum-Redakteur Mike Beckers gab ihnen Tipps beim Recherchieren und Schreiben.

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