Wie fühlt es sich an, alt zu sein?

In Minutenschnelle verwandle ich mich in eine alte Frau. Neo-Reporterin Savinja wickelt gerade die letzte schwere Manschette um mein linkes Handgelenk. Dann setzt mir Robert noch die Brille auf – fertig! Mit Gewichten am ganzen Körper, Handschuhen, einer gelben Skibrille und Ohrstöpseln sehe ich zwar nicht unbedingt alt aus. Ich fühle mich aber, als hätte ich einige Jahrzehnte mehr auf dem Buckel.

Zusammen mit den neo-Reportern Maximilian, Ludwig, Savinja und Robert sowie der neo-Redakteurin Kirsten Baumbusch besuche ich heute das Heidelberger Institut für Alternsforschung. Hier wollen wir im Gespräch mit Andreas Kruse herausfinden, wie Menschen altern – und wieso eigentlich.

Auf unsere Fragen wissen Professor Kruse und seine Kolleginnen jede Menge Antworten (das ganze Interview findest du auf den Seiten 66 bis 73 des aktuellen neo-Hefts „Der menschliche Körper“).

Doch wie fühlt es sich tatsächlich an, alt zu sein? Um das herauszufinden, schlüpfe ich in diesen Anzug. Er simuliert, wie ältere Leute die Umwelt wahrnehmen und wie anstrengend der Alltag für sie ist. Der Alternsanzug besteht aus vielen Gewichten, insgesamt 30 Kilogramm. Zu schwer für unsere vier neo-Reporter, deshalb streife ich ihn über.

Durch die Extra-Gewichte werden Oberkörper, Arme, Beine und Hals schwer; genau wie im Alter, wenn die Kraft nachlässt und sich die Muskeln zurückbilden. Beim Anziehen muss ich mir helfen lassen, denn durch die Handschuhe und Gewichte an den Handgelenken bin ich unbeweglich und langsam.

Anschließend probieren die neo-Reporter und ich, was ich als frischgebackene Greisin noch so alles kann. Ich steige Treppen, spaziere über die Flure, hieve Bücher aus dem Regal. Das klappt schon, doch alles dauert länger und kostet ungeheuer viel Kraft. Mit der Zeit kommt mein Kreislauf auf Hochtouren und mir wird ganz heiß. Ab und an stütze ich mich am Treppengeländer ab und mache eine Rast. Wenn sich altern so anfühlt, dann bin ich froh, das es Schritt für Schritt verläuft. Schlagartig 70 zu sein ist ganz schön anstrengend.

Von den Fragen der neo-Reporter, die Andreas Kruse und die Medizinerinnen Christina Ding-Greiner und Gabriele Becker interviewen, kriege ich nur die Hälfte mit. Meine Ohrstöpsel dämpfen die Stimmen; durch die Brille ist alles in ein gelbes Licht getaucht und unscharf. Fühlt sich alt sein so an? Psychologe Kruse macht Mut: Nicht alle Fähigkeiten lassen so stark nach wie das Hören und Sehen. Ältere Menschen können vieles noch richtig gut: Sie besitzen eine Menge Wissen und Lebenserfahrung, von denen sie profitieren. Selbst neue Sprachen wie zum Beispiel Chinesisch zu lernen ist im Alter möglich.

Ich habe trotzdem genug für heute und bin erleichtert, den Anzug loszuwerden. Nach und nach pelle ich mich aus dem schwarzen Ungetüm: Erst die Gewichte an den Armen, dann die Brille, die Ohrstöpsel, die schwere Halskrause, die vielen Gewichte an meinen Knöcheln und die Weste. 30 Kilogramm weniger machen sich bemerkbar: Ich fühle mich unendlich leicht. Und bekomme wieder alles mit, was um mich herum passiert.

Wie eine Welt aussähe, in der wir immer jung blieben, möchte neo-Reporter Ludwig von Gabriele Becker wissen. Die Ärztin vermutet, dass wir an vielem nicht mehr so viel Freude hätten. Dadurch, dass wir altern, werden Augenblicke für uns kostbar.

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