Unser Mann für die ISS

Alexander Gerst ist Mitglied der jüngsten Astronautenstaffel der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Im Mai flog er zur Internationalen Raumstation ISS, wo er bis zu seiner Rückkehr am 10. November 2014 leben und arbeiten wird. Die Vorbereitungen für seine erste Mission im All begannen bereits 2009. Für „Spektrum neo“ Nr.1 besuchten ihn die drei neo-Reporter Ferdinand (10), Louisa (12) und Lukas (15) im Trainingszentrum. Außerdem hat die neo-Redaktion noch drei heiße Webtipps zur ISS und zum Astronautentraining für euch zusammengestellt. Wir wünschen euch viel Spaß beim Entdecken!

Die neo-Reporter treffen Alexander Gerst

Die neo-Reporter Louisa, Lukas und Ferdinand (von links) mit Alexander Gerst im Nachbau des Columbus-Labors der ISS. (Foto: DLR/Mareike Knost)

Herr Gerst – wie wird man Astronaut? Wo muss man anrufen?

Man sollte ab und zu auf die Website der Europäischen Weltraumorganisation ESA schauen. Da steht, wenn wieder neue Astronauten gesucht werden. Das passiert etwa alle zehn Jahre, weil die älteren langsam in Rente gehen – oder weil es ein neues Modul auf der Internationalen Raumstation gibt. Als ich 2008 ausgewählt wurde, hatte die ESA gerade das Columbus-Labor auf die Raumstation gebracht. Deshalb brauchte sie Astronauten, die darin arbeiten.

Wie kamen Sie auf die Idee, Astronaut zu werden?

Ich war schon immer neugierig und wollte wissen, wie etwas funktioniert und wie man es auch anders machen könnte. Ich habe als Kind hinter jeden Baum und unter jeden Stein geschaut, um zu sehen, was da ist. Wir Menschen sind eine Spezies von Entdeckern. Heute ist der Mond für uns drei Tagesreisen weit entfernt. Das ist so viel, wie man früher von Köln nach München mit der Postkutsche gebraucht hat. Und da sind Menschen auch sofort hingefahren, um die Gegend zu erkunden. Unsere Neugier bringt uns weiter.

Wie funktioniert die Auswahl?

Zunächst gibt man eine Onlinebewerbung ab. Darin steht der Name und was man schon gemacht hat. Wenn alles passt, wird man mit ganz vielen anderen zu verschiedenen Tests eingeladen. Dabei versucht die ESA rauszufinden, was jeder kann: ob jemand zum Beispiel gut Joysticks bedienen kann, Kopfrechnen beherrscht, gut ist in Sprachen und so weiter. Astronauten müssen das alles können.

Was muss man können, um Astronaut zu werden?

Die Weltraumorganisationen ESA und NASA suchen keine absoluten Überflieger als Astronauten, die wirklich alles supergut können, denn so jemanden gibt es nicht. Sondern es ist wichtig, dass man alles ganz okay kann und vor allem auf keinem Gebiet schlecht ist. Es bringt also nichts, wenn man Kopfrechnen kann wie ein Weltmeister, aber zum Beispiel nicht gut Englisch spricht. Oder wenn man ein 1a-Gedächtnis hat, aber keinen Joystick bedienen kann.

Alexander Gerst beantwortet eine Frage von neo-Reporterin Louisa.

Alexander Gerst beantwortet eine Frage von neo-Reporterin Louisa. (Foto: DLR/Mareike Knost)

Muss man sehr gut in der Schule gewesen sein?

Das hilft bei der Bewerbung natürlich. Und danach sollte man etwas Wissenschaftliches oder Technisches studiert haben. Was genau, ist nicht so wichtig. Die Bewerber können Physiker sein, Biologen, Chemiker oder Ärzte. Auch Piloten oder Luft- und Raumfahrtingenieure kommen in Frage.

Warum gibt es mehr Astronauten als Astronautinnen?

Der Anteil von Frauen im Astronautenkorps entspricht bei der ESA und der NASA ziemlich genau dem Anteil der Frauen, die sich bewerben. Bei uns ist jeder sechste Astronaut eine Frau, und bei der Bewerbung der neuen Astronauten waren ebenfalls ungefähr ein Sechstel Frauen. Das heißt: Bei den Auswahltests sind Frauen und Männer genau gleich gut, aber es bewerben sich weniger Frauen. Warum das so ist, wissen wir nicht genau.

Kann man davon leben? Ist Astronaut Ihr Hauptberuf?

Astronauten sind immer hauptberuflich angestellt. Das Training erfordert so viel Zeit, dass man nicht noch etwas nebenher machen kann. Ich musste meinen alten Beruf als Physiker und Vulkanologe erst einmal an den Nagel hängen, als ich Astronaut wurde.

Als die „Challenger“ 1986 explodierte und alle sieben Astronauten starben, waren Sie neun Jahre alt. Haben Sie da geweint?

Das war natürlich schlimm. Ich habe mit meinem Opa vor dem Fernseher gesessen. Schon damals hatte ich gedacht, ich würde so gerne mal mitfliegen in den Weltraum. Es war sehr traurig: Gerade noch hatten die Astronauten beim Einstieg gewunken, und kurz darauf war keiner mehr am Leben. Aber an der Sache habe ich deshalb nie gezweifelt – im Gegenteil: Diese Astronauten haben ihr Leben für die Erkundung des Weltraums riskiert, und jeder einzelne von ihnen würde sicher gerne wollen, dass wir diese Mission fortsetzen!

Was passiert, nachdem man für eine Mission eingeteilt wurde?

Man trainiert mit den anderen Astronauten dieser Mission drei Jahre lang zusammen. Es gibt einen straffen Zeitplan, man reist von einem Trainingszentrum auf dem Globus zum nächsten. In Houston zum Beispiel, in den USA, haben wir die Lebenserhaltungssysteme und die Kommunikationssysteme der ISS kennengelernt: Wie spreche ich von einem Modul aus mit Kollegen in einem anderen Modul – und wie mit der Bodenkontrolle auf der Erde?

Wir haben gelesen, dass Sie im Basistraining auch einmal 24 Stunden lang zu sechst auf einem winzigen Boot allein auf dem Meer herumgegondelt sind. Ein andermal mussten Sie tagelang ohne Essen durch den Wald laufen. Warum?

So ein Überlebenstraining machen alle Weltraumorganisationen mit ihren Astronauten. Sollte eine Astronautencrew einmal mit ihrer Kapsel nicht an der vorgesehenen Stelle landen, sondern sich plötzlich zum Beispiel irgendwo mitten in der Wildnis in Kasachstan befinden, dann ist klar, es dauert vielleicht bis zu drei Tage, bis Hilfe kommt. Daher ist es gut, wenn jeder so eine Situation schon erlebt hat. Man lernt sich dabei selbst besser kennen – merkt zum Beispiel, wozu man noch fähig ist, wenn man seit drei Tagen nichts mehr gegessen hat. Da war ich ziemlich erstaunt, dass ich tatsächlich noch arbeiten konnte, noch weit laufen konnte, noch klar denken konnte. Ich fühlte mich zwar sehr matt, aber es ging. Es ist auch wichtig, dass jeder Astronaut durch so ein extremes Training erfährt, wie er in der Gruppe reagiert: Bin ich vielleicht pampig? Muss ich mir mehr Mühe geben, um freundlich zu den anderen zu sein?

Kann man auf der Erde üben, wie man im Weltall aufs Klo geht?

Nicht richtig, denn wir haben hier unten ja keine Schwerelosigkeit. Allerdings üben wir schon auf der Erde, wie das Weltraum-Klo prinzipiell verwendet wird, welche Knöpfe man drücken muss – ja sogar wie man es repariert, wenn es kaputtgeht.

neo-Reporter Ferdinand darf ein Experiment machen: Wie viel Sauerstoff verbraucht er beim Atmen?

neo-Reporter Ferdinand darf ein Experiment machen: Wie viel Sauerstoff verbraucht er beim Atmen? (Foto: DLR/Mareike Knost)

Verlassen Sie sich immer blind auf die Technik?

Nein, das wäre nicht sehr weise. Man lässt ja auch die Bremsen von seinem Auto regelmäßig überprüfen. Sonst würde das nicht lange gut gehen. Vor allem nicht, wenn man eines der kompliziertesten Projekte der Welt betreibt – die Internationale Raumstation ISS. Deswegen gibt es in der Weltraumfahrt immer neben einem Plan A auch einen Plan B, falls etwas schiefgeht, ja sogar einen Plan C und D. Als Astronaut muss ich stets wissen: Wenn etwas kaputtgeht, wie kann ich es dann ersetzen? Wie muss ich reagieren? Was mache ich zum Beispiel, wenn ein Feuer auf der ISS ausbrechen sollte oder wenn das Lebenserhaltungssystem ausfällt? All das müssen wir im Training lernen.

Auf was im All freuen Sie sich am meisten?

Auf die Erde zurückzuschauen, zu sehen: Oh, da ist der Planet, auf dem ich aufgewachsen bin. Wenn man weit genug wegfliegt, ist die Erde eine kleine blaue Kugel. Und alles, was wir kennen, die letzten Jahrmilliarden des Lebens, haben sich auf dieser kleinen Kugel abgespielt. Ich denke, es ist eine sehr wertvolle Sichtweise, einmal von außen draufzuschauen. Sich zu überlegen: Was ist das eigentlich, das wir jeden Tag als so normal wahrnehmen? Wir wachen auf, und wir wissen: Da ist unser Haus, da ist unser Bad, da ist der Weg zur Schule, zur Arbeit. Da ist der Wald, in dem ich früher schon gespielt habe. Aber was ist das eigentlich? Woher kommt das? Ich könnte mir auch vorstellen, dass man zum Beispiel ganz anders über Umweltschutz nachdenkt und über Nachhaltigkeit. Das heißt: Wie kann ich das Leben auf der Erde so gestalten, dass wir nicht Ressourcen verbrauchen, die eigentlich unseren Kindern, oder besser: euren Kindern und Enkelkindern gehören? Dass wir so mit der Erde umgehen, dass wir sie auch in Zukunft noch nutzen können. Denn sie ist die einzige, die wir haben, und wir müssen auf sie aufpassen.

Welche Experimente werden im Weltall durchgeführt?

Meist machen die Astronauten viele verschiedene Experimente gleichzeitig. Das liegt daran, dass manche Versuche schon auf der Erde vorbereitet wurden, so dass die Astronauten im Weltall nur den Startknopf drücken müssen. Es gibt aber auch Experimente, bei denen man richtig ran muss. Das können zum Beispiel Versuche mit biologischen Proben sein oder physikalische Experimente – etwa mit kalten und heißen Körpern.

Was genau machen Sie bei einem Experiment?

Stellt euch vor, ich müsste untersuchen, wie Schnittlauch im Weltall wächst. Mal angenommen, ich würde schon bald sehen, dass der Schnittlauch auf der Raumstation irgendwie komisch wächst, ganz anders als der auf meinem Balkon zu Hause. Dann stelle ich eine Vermutung an, woran das liegen könnte. Wissenschaftler nennen das eine Hypothese. Ich vermute zum Beispiel, dass die Wurzeln in der Schwerelosigkeit nicht richtig wissen, wo sie hinwachsen sollen, und dass deshalb der Schnittlauch im All merkwürdig aussieht. Es könnte aber auch daran liegen, dass das Licht auf der Raumstation ganz anders ist als auf der Erde. Es gibt mehrere Möglichkeiten. Darunter wähle ich eine als meine Hypothese aus und überlege mir dann ein Experiment, um sie zu prüfen.

Welches Experiment wäre das?

Ich würde ein doppeltes Experiment im All machen. Ich nehme zweimal Schnittlauch, zweimal die gleiche Erde, zweimal dieselbe Menge Wasser, zweimal dasselbe Licht und so weiter. Es gibt nur einen Unterschied: Die eine Probe lasse ich in der Schwerelosigkeit, und die andere setze ich in eine Zentrifuge ein. Das ist eine Trommel, die sich schnell dreht. Wenn sie sich dreht, wird darin alles zum Rand hingedrückt. Ihr kennt das vom Autofahren. Wenn ein Auto schnell durch eine Linkskurve fährt, wird man nach rechts geworfen – und umgekehrt. Ich stelle die Zentrifuge dann so ein, dass der Schnittlauch tagelang mit genau der Kraft an den Rand gedrückt wird, wie der Schnittlauch auf meinem Balkon von der Erde angezogen wird. Ich erzeuge also eine Art künstliche Schwerkraft in der Schwerelosigkeit. Und wenn ich dann sehe, dass der Schnittlauch in der Zentrifuge ganz normal wächst und nur der andere seltsam aussieht, dann weiß ich, dass meine Hypothese stimmte. Wenn nicht, suche ich mir eine neue Hypothese und ein neues Experiment.

Werden Sie einen Außeneinsatz auf der ISS haben?

Das hängt davon ab, was zu tun ist. Einen Außeneinsatz führt man durch, wenn man zum Beispiel eine Box mit Experimenten austauschen will und das nicht mit einem Roboterarm machen kann. Oder wenn etwas kaputt geht. Oder wenn eine Routinewartung vorzunehmen ist. Jeder Astronaut, der auf die Raumstation fliegt, muss einen Weltraumausstieg durchführen können. Daher üben wir vorher im Training Szenarien, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten können. Die ESA sagt dann, es könnte sein, dass wir dieses oder jenes Element austauschen müssen – das proben wir jetzt mal. Dabei lernen wir sehr viel. Und wenn es hinterher ein anderes Element ist, das man auf der Weltraumstation austauschen muss, kriegt man das auch hin.

Alexander Gerst hat Geophysik studiert. Bevor er Astronaut bei der ESA wurde, erforschte er Vulkane.

Alexander Gerst hat Geophysik studiert. Bevor er Astronaut bei der ESA wurde, erforschte er Vulkane. (Foto: DLR/Mareike Knost)

Haben Sie nicht manchmal Angst, ins Weltall zu fliegen?

Ich glaube, niemand bewirbt sich als Astronaut, der vor dem Weltraumflug Angst hat. Das heißt, vor meiner Mission habe ich eigentlich keine Angst. Was mir am meisten Sorge bereitet, ist eher, dass mir vorher etwas passiert, so dass ich nicht fliegen kann – dass ich mir vielleicht kurz vor dem Start ein Bein breche und deswegen hier bleiben muss.

Was ist das Gefährlichste für Astronauten?

Das Gefährlichste ist der Start mit der Rakete. Wenn die Systeme ausfallen oder Fehler passieren, dann oft beim Start oder bei der Landung. In so einem Fall muss man viele Entscheidungen in kürzester Zeit treffen. Und da ist das Risiko höher, etwas falsch zu machen oder dass etwas schiefgeht. Bei den Spaceshuttle-Starts gab es immer kurze Momente, für die es keinen Plan B gab – zum Beispiel wenn kurz nach dem Start ein Feststofftriebwerk ausgefallen wäre. Das ist auch einer der Gründe, warum die Spaceshuttles ausgemustert wurden. Die russische Sojus-Rakete hat einen Plan B: eine kleine Rettungsrakete. Wenn mit der Sojus etwas passiert, drückt man einen Knopf, fliegt mit der Rettungsrakete weg und ist in Sicherheit. So sind manche Systeme sicherer als andere.

Könnten nicht Roboter statt Menschen ins All fliegen?

Im Prinzip wird das ständig gemacht. Jeder Satellit ist ja ein Roboter. Roboter werden für Sachen eingesetzt, die ein Mensch nicht machen muss oder die man mit Maschinen einfach besser machen kann. Doch eine Maschine kann nur tun, was man ihr vorher einprogrammiert. Was aber, wenn sich eine neue Situation ergibt? In den 1970er Jahren hat man zum Beispiel Roboter auf den Mars geschickt, die unter anderem nach Wasser suchen sollten. Das waren die Viking-Sonden. Sie waren darauf programmiert, ein paar Zentimeter tief im Boden zu graben – Wasser haben sie dabei nicht entdeckt. Erst 30 Jahre später haben Forscher herausgefunden: Wenn die Sonden nur ein paar Zentimeter tiefer gegraben hätten, hätten sie Wasser gefunden. Weil sie aber so eingestellt waren, haben sie aufgehört. Ein Mensch an ihrer Stelle hätte sich wohl gesagt: Schau an, der Boden ist an dieser Stelle ein wenig weicher geworden. Das sieht seltsam aus. Hier grabe ich noch einmal eine Schippe tiefer. Und dann findet er das Wasser. Menschen sind neugierig, sie sind Entdecker, Roboter nicht.

Alexander Gerst erklärt den neo-Reportern die Auswertung ihres Andock-Manövers.

Alexander Gerst erklärt den neo-Reportern die Auswertung ihres Andock-Manövers. (Foto: DLR/Mareike Knost)

Glauben Sie, dass es Außerirdische gibt?

Ich weiß es nicht. Aber ich würde es gern wissen. Nehmen wir an, wie fliegen zum Mars und finden da fossile Bakterien – also Bakterien, die früher lebten, jetzt aber schon lange tot sind. Das würde bedeuten, dass es einmal Leben auf dem Mars gab. Dann gäbe es zwei Möglichkeiten: Entweder, dieses Leben war ähnlich wie das auf der Erde: auf DNA basiert, also auf Aminosäuren. Dann hätten dieses Leben und unser Leben auf der Erde höchstwahrscheinlich einen gemeinsamen Ursprung. Oder das Leben auf dem Mars wäre komplett anders als unseres. Dann hätten wir auf dem erstbesten Planeten, den wir erreichen, sofort ganz neue Lebensformen gefunden. Das könnte darauf hindeuten, dass das Universum voll von Leben ist!

Wie stellen Sie sich Aliens vor?

Das ist schwer zu sagen. Schon auf der Erde hat sich das Leben so vielfältig entwickelt. Wissenschaftler haben Bakterien gefunden, die in drei Kilometer Tiefe in Ölreservoiren leben. Die haben noch nie die Sonne gesehen! Manche Würmer leben einen Kilometer unter der Erde. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie das Leben sonst noch sein könnte. Auf einem großen Planeten zum Beispiel wäre die Schwerkraft größer, die Lebewesen dort würden also stärker zum Boden hingezogen. Wir Menschen könnten dort kein Bein vor das andere setzen, weil die Anziehung so stark ist. Die Bewohner eines solchen Planeten wären deshalb vermutlich viel kleiner als wir. Es könnte sogar sein, dass wir fremdes Leben noch nicht einmal erkennen würden, wenn es sich vor unserer Nase befindet. Wir müssen also immer offen für neue Entdeckungen sein!

Was kostet ein Flug auf die ISS?

Das ist schwierig auszurechnen. Es hängt davon ab, was man alles mit einrechnet. Ob man etwa sagt: Die Rakete kostet so viel, der Treibstoff kostet so viel und so weiter. Was man besser sagen kann, ist, dass jeder Bürger der ESA-Länder einen Euro pro Jahr für die bemannte Raumfahrt zahlt. Also ungefähr so viel wie für eine oder zwei Packungen Kaugummi. Und für alles, was die ESA insgesamt macht, zahlt jeder ESA-Bürger jährlich zehn Euro, so viel wie für einen Kinobesuch. Dafür kriegen wir dann die Fahrten zur Raumstation, die Forschungsergebnisse, Satellitenbilder für den Klimaschutz und Katastrophenhilfe, Satellitennavigation, Wettervorhersage, Satellitenfernsehen, verbessertes Mobiltelefonnetz und vieles mehr. Ich finde, das ist ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Wie lange wird es die ISS noch geben – und was kommt danach?

Die ISS wird höchstens bis zum Jahr 2028 fliegen. Dann sind ihre ältesten Module 30 Jahre alt, und man kann sie nicht mehr benutzen. Was danach kommt, ist heute noch nicht entschieden. Die Raumstation kreist in nur 400 Kilometer Höhe über der Erde; wir nennen das den niedrigen Erdorbit. Wir würden aber gerne auch wieder weiter wegfliegen von der Erde, sogar bis zum Mars. Den niedrigen Erdorbit können wir bald schon Firmen, die forschen wollen, überlassen – und den Weltraumtouristen. Das sind Menschen, die Geld bezahlen, damit sich ihr Wunsch erfüllt, einmal die Erde von oben zu sehen.

Fliegen wir nur aus Neugierde ins Weltall?

Nicht nur. Vielleicht sind wir sogar einmal gezwungen, länger ins All zu fliegen, etwa weil ein großer Meteorit die Erde bedroht. Vielleicht müssen wir einmal losfliegen und uns auf den Weg zu einer neuen Heimat machen. Ich hoffe natürlich nicht, dass das passiert, aber es wäre möglich. Und falls es geschehen sollte, bleibt uns wahrscheinlich nicht viel Zeit. Das heißt, wir sollten vorher herausfinden, wie und wo wir im Weltall leben könnten.

Womit werden Menschen in 100 Jahren ins All fliegen?

Das ist meine Frage an euch. Ich weiß es nicht. Ihr seid die nächste Generation. Das, was ihr euch ausdenkt, wird Wirklichkeit!

Was machen Sie als Erstes, wenn Sie nach Ihrer Mission wieder auf der Erde sind?

Das weiß ich noch nicht. Wahrscheinlich will ich dann das sehen, was ich am meisten vermisst habe – den blauen Himmel vielleicht, den Wald, Bäume, Regen. Und natürlich will ich meine Freunde wieder treffen. Die erste Zeit nach der Mission wird sehr anstrengend sein. Weil man sechs Monate in der Schwerelosigkeit verbracht hat und sich die Muskeln daran gewöhnt haben. Plötzlich zieht einen die Erde dann wieder gnadenlos zu Boden, und der Körper muss sein eigenes Gewicht wieder zu tragen lernen.

Die Fragen stellten die neo-Reporter Ferdinand, Louisa und Lukas.

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Nach dem Interview war Alexander Gerst so nett, 10 "Spektrum neo"-T-Shirts zu signieren. Ihr könnt eines davon gewinnen, wenn ihr den Fragebogen zu Heft Nr.1 ausfüllt! (Foto: DLR/Mareike Knost)

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