Schlau, schlauer, Rabe

Vögel werden in Sachen Intelligenz sehr unterschätzt – und das obwohl Kolkraben und Papageien vermutlich zu den klügsten Tieren der Welt gehören. Der Vogelexperte Simon Bruslund aus dem Heidelberger Zoo berichtet, zu welchen erstaunlichen Tricks Raben fähig sind.

Simon Bruslund aus Dänemark, wohnhaft in Neckargemünd, ist ein bekannter Vogelexperte. Er hat schon im Loro Parque auf Teneriffa gearbeitet und war zoologischer Direktor des Weltvogelparks Walsrode. Sein aktueller Arbeitsplatz ist der Zoo in Heidelberg, wo er das Vogelrevier leitet. © Wissensschreiber

Simon Bruslund aus Dänemark, wohnhaft in Neckargemünd, ist ein bekannter Vogelexperte. Er hat schon im Loro Parque auf Teneriffa gearbeitet und war zoologischer Direktor des Weltvogelparks Walsrode. Sein aktueller Arbeitsplatz ist der Zoo in Heidelberg, wo er das Vogelrevier leitet.
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Der Rabe will unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Er springt auf und ab, schnappt sich einen Stock vom Käfigboden und schiebt ihn durch das Gitter. Er kräht so laut, dass wir gar keine andere Wahl haben, als ihm zuzuschauen. In dem Moment kommt der Tierpfleger Simon Bruslund um die Ecke und sein Schützling beginnt, wild umher zu flattern. „Er hofft, dass etwas für ihn abfällt. Deshalb ist er schon ganz aufgeregt. Für Futter tut er alles“, erklärt uns der Vogelexperte. Offenbar hat der Rabe bei uns einen Trick versucht, mit dem er bei Schulklassen oft Erfolg hat: „Er macht alle möglichen Faxen und versucht süß auszusehen, damit ihm jemand Futter zusteckt. Wie er Menschen für seine Zwecke einsetzen kann, weiß er ganz genau.“ Bei Führungen legt der Tierpfleger oft Hundeleckerlis vor das Gehege, die der Vogel sich mit einem Stock angeln soll. Normalerweise benutzt er das Werkzeug geschickt als eine Verlängerung. Aber gerade bei Kindergruppen funktioniert die Vorführung meist nicht. Statt sich den Stock zu schnappen, kratzt sich der Rabe, legt sich hin oder flattert herum. „Die Kinder denken dann, er wäre zu dumm dafür. Aber da unterschätzen sie den Vogel!“ In Wirklichkeit benutzt er die Menschen, um seine persönliche Faulheit auszuleben. Natürlich ist es viel einfacher, einen Besucher dazu zu bringen, das Leckerli durchs Gitter zu stecken, als selbst mit einem Stock danach zu angeln. Und bei den Kindern hat er damit schnell Erfolg.

Aber Raben haben noch mehr Tricks auf Lager, um geschickt an Nahrung zu kommen. Zum Beispiel werfen sie Nüsse auf die Straße und benutzen die vorbeifahrenden Autos als Nussknacker. Und nicht nur das: Sie bevorzugen für diese Aktion Zebrastreifen und Fußgängerampeln, denn hier müssen die Autos regelmäßig anhalten, so dass die Raben ihr Leckerli gefahrlos abholen können.

Wie misst man die Intelligenz bei Vögeln?

Im Interview erzählt Simon Bruslund den Wissensschreibern viele interessante Fakten über Raben. © Wissensschreiber

Im Interview erzählt Simon Bruslund den Wissensschreibern viele interessante Fakten über Raben.
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Dadurch beweisen die Vögel, wie intelligent sie sind. Die Forschung steht zwar mit ihren Erkenntnissen noch am Anfang, doch Wissenschaftler gehen davon aus, dass Rabenvögel zu den klügsten Tieren auf unserem Planeten gehören. Es ist gar nicht so einfach, herauszufinden, wie schlau ein Vogel ist. Einerseits muss man jedes Experiment wiederholen können – sonst könnte das Ergebnis auch ein Zufall gewesen sein. Erbringt ein einzelnes Lebewesen eine außergewöhnliche Leistung, ist das noch kein Beweis, dass die ganze Art klug ist. Andererseits ist die Frage: Was heißt überhaupt intelligent? „Ein wichtiges Merkmal ist, dass ein Tier individuell auf neue Ideen kommt“, sagt Simon Bruslund. „Bei Intelligenztests bietet man zum Beispiel einem Vogel verschiedene Gegenstände an und beobachtet, wie er damit umgeht.“ Aber die Ergebnisse sind nicht immer zuverlässig: Ein Tier, das sich an einen Lebensraum angepasst hat, in dem es keine Hilfsmittel benötigt, zeigt in der Regel kein Interesse für Dinge, die es nicht braucht. Dadurch wird es schnell als unintelligent abgestempelt – oft zu unrecht.

Trotzdem gibt es Methoden, die zumindest Rückschlüsse auf die Intelligenz zulassen. Eine davon ist der so genannte Spiegeltest: Dabei tupft man einen Punkt auf den Körper der Testperson und setzt sie vor einen Spiegel. Viele Affen und Kleinkinder erkennen ihr eigenes Spiegelbild nicht, sondern halten es für einen anderen. Anders als der Rabe: Er versucht, den Punkt schnellstmöglich loszuwerden. Simon Bruslund erklärt: „Ganz gewöhnliche Elstern schneiden mit am besten in diesem Test ab. Das heißt, diese Vögel, die jedes Jahr zu tausenden erschossen werden, erkennen sich selbst! Wenn ich daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut.“

Vorurteile über Vögel
Viele Menschen schätzen Vögel falsch ein. Hier einige der häufigsten Vorurteile:

„dumme Gans“
Gänse haben eine hohe Schwarmintelligenz und finden zum Beispiel weit entfernte Winterquartiere.

„Rabeneltern“
Raben sind sehr liebevolle Eltern und kümmern sich lange um ihren Nachwuchs.

„kluge Eule“
Obwohl Eulen durch ihren großen Kopf weise wirken, sind sie wohl nicht außergewöhnlich schlau.

Neben den Fähigkeiten, die Wissenschaftler mit ihren Tests prüfen, zählt auch soziale Intelligenz. Einige Vogelarten gehen eine lebenslange Bindung ein. Bis ein Vogel den richtigen Partner fürs Leben gefunden hat, kann es eine Weile dauern. Gerade Zoos müssen ausprobieren, wer zueinander passt. Bei den beiden Raben im Heidelberger Zoo ist noch nicht klar, ob sie einmal ein Traumpaar werden. „Sie mögen sich zwar, aber vielleicht noch nicht so sehr, dass sie auch gemeinsam brüten“, erzählt Simon Bruslund. Falls es zwischen den beiden nicht funkt, gehen die Pfleger auch in anderen Zoos auf die Suche nach dem passenden Gegenstück. „Das ist aber ein Glücksspiel, denn die Raben sind sehr wählerisch.“

Das verdeutlicht, dass die Vögel eine ausgeprägte Persönlichkeit haben. Auch im Alltag zeigen sich die verschiedenen Charaktere: Die einen wollen besonders viel Aufmerksamkeit, andere beschäftigen sich lieber mit sich selbst. Einige sind sehr verspielt: In freier Wildbahn jagen Raben sogar oft zum Spaß einem Bussard hinterher. „Man kann das mit Leuten vergleichen, die Bungee Jumping machen. Sie suchen einfach den Nervenkitzel“, berichtet Simon Bruslund.

Keine Langeweile im Zoo

Für Aufregung bei den Raben im Zoo sorgen die Tierpfleger. Diese reinigen täglich den Käfig und verletzen somit das Territorium. So kann sich schnell ein Konflikt ergeben: Der Vogel versucht, den Eindringling zu vertreiben. Wenn dieser dann wieder geht, fühlt er sich in seinem Verhalten bestärkt. „Wir versuchen meistens, Konfrontationen zu vermeiden. Aber für manche Vögel ist es auch eine interessante Erfahrung, ihr Territorium zu verteidigen.“

Das ist eine von vielen Möglichkeiten, den Alltag interessanter zu machen, reicht aber allein nicht aus. Denn Raben brauchen jeden Tag neue Herausforderungen. Da ist es als Pfleger wichtig, kreativ zu sein! Zum einen verstecken sie das Futter in Pappschachteln, so dass sich die Vögel ihre Mahlzeit erarbeiten. Zum anderen ist auch das Futter selbst sehr abwechslungsreich. Die Raben müssen sich die Frage stellen: Wie gehe ich damit um? Ist das überhaupt essbar? So wird jeder Tag spannend.

Der Kolkrabe versucht mit allen möglichen Tricks unsere Aufmerksamkeit zu bekommen. Dafür spielt er sogar Fledermaus und hängt sich kopfüber an einen Ast. © Wissensschreiber

Der Kolkrabe versucht mit allen möglichen Tricks unsere Aufmerksamkeit zu bekommen. Dafür spielt er sogar Fledermaus und hängt sich kopfüber an einen Ast.
© Wissensschreiber

Die Besucher sind für die Raben ebenso interessant. Menschen, die ihnen besonders viel Aufmerksamkeit schenken, bekommen dafür auch einige Kunststückchen zu sehen. So konnten wir beobachten, wie sich der Rabe mal nur am Schnabel, mal kopfüber an einen Ast hängte und zum Abschied krähte. Auch wir waren für ihn sicherlich eine nicht alltägliche Attraktion!

Der Kolkrabe
Der Kolkrabe, lat.: corvus corax, gehört vermutlich zu den schlausten Tieren der Welt. In freier Wildbahn frisst er vor allem Aas, aber auch Kleinsäuger, Obst und Vögel. Im Schnitt erreicht er ein Alter von 20-30 Jahren. Er ist kein Zugvogel, bleibt also auch im Winter in seiner Heimat. Zu seinen Feinden zählen der Uhu, der Marder und der Mensch. Typische Merkmale sind sein tiefschwarzes Gefieder, der große Kopf und der keilförmige Schwanz. Er ist im Schnitt 60 Zentimeter groß, 1,2 Kilogramm schwer und hat
eine Flügelspannweite von 1,2 Metern.

Dieser Artikel entstand beim Wissensschreiber-Workshop zum Thema „Tierische Intelligenz“ im August 2014 an der Akademie für Innovative Bildung und Management (aim) in Heibronn. Den Bericht schrieben Eileen B., Larissa H. und Lara K.

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