Gefühlvolle Giganten

Mähnenrobben müssen immer beschäftigt werden. Die Tiere werden oft unterschätzt, denn der Umgang mit den intelligenten Wesen ist nicht einfach.

Küsschen

„Gib Küsschen!“, fordert Pflegerin Nadine Meffert von Holly. Die Mähnenrobbe stützt sich auf dem Beckenrand ab und drückt ihr einen dicken Schmatzer auf die Wange. Als Belohnung gibt es einen Fisch, einen Hering. „Am besten gehen immer noch Heringe. Die haben wir sogar MSC-zertifiziert, also aus nachhaltiger Fischerei.“ Im Zoo haben sie die Wahl zwischen verschiedenen Fischen. Makrelen und Tintenfische laufen in letzter Zeit weniger gut. Die Pfleger erfüllen ihren Schützlingen jeden Wunsch. Dadurch geraten sie auch nicht in Vergessenheit. Jeder Betreuer hat seine eigene Art, mit den Raubtieren umzugehen. Sobald ihre Bezugspersonen auftauchen wissen sie, was der jeweilige Pfleger ihnen durchgehen lässt und was nicht. „Die sind nicht doof“, weiß Meffert.

Hering

Wenn sie nicht fressen oder faul in der Sonne herumliegen, vertreiben sich die Robben die Zeit mit verschiedenen Aktivitäten: Es gibt Dusche, Wasserfall und Whirlpool. Nebenbei beschäftigen sie sich mit alltäglichen Gegenständen wie Blättern und Holzstücken und erfinden ihre eigenen Spiele. „Im Umgang miteinander sind sie aber eher ruppig“, erzählt die Pflegerin. Das gilt auch, wenn sie zusammen toben. „Gerade wenn sie im halbstarken Alter sind, ziehen sie sich gegenseitig unter Wasser.“ Deswegen müssen die Pfleger auch gut überlegen, wann die Jungen bereit sind, zu ihren älteren Artgenossen zu stoßen. Sie ertrinken leichter, weil sie noch nicht so lange die Luft anhalten können. Nicht nur untereinander ist der Umgang ruppig, sondern sie beißen auch manchmal die Pfleger. „Man muss sich auf die Tiere einstellen.“ Vorfälle mit Besuchern gab es bislang im Heidelberger Zoo aber nicht.

Robbe mit Loch im Rücken

Awa, die jüngste Robbe, wirkt eher unbeholfen, wenn sie sich auf dem Felsen fortbewegt. Auf ihrem Rücken sind noch die Spuren eines Kampfes zu erkennen. „Sie lernt gerade, dass sie nicht mehr das Kind ist und Welpenschutz hat, sondern eine Frau wird und sich dem dicken Herrn unterwerfen muss“, erklärt Nadine Meffert. Robben leben eher in einer Haremsgruppe als in einem Revier. Das bedeutet, ein Männchen, in diesem Fall Atos, lebt mit mehreren Weibchen zusammen. Der Chef im Becken entscheidet auch, welche Tiere er akzeptiert und welche nicht. Das merken die Pfleger sehr schnell, wie im Fall von Awa. „Er muss auf seine Mädels aufpassen, er beschützt sie und kämpft für sie, dementsprechend muss er auch massiger sein.“

Vibrissen Ball

Bei regelmäßigen Fütterungsshows im Zoo fördern die Pfleger die Fähigkeiten und Sinne. Oft spielen die Robben mit einem alten blauen Gummiball. Meffert und ihre Kollegen unterstützen damit den Tastsinn der Tiere, denn sie balancieren den Ball mit ihren Schnurrbarthaaren. In freier Wildbahn brauchen die Robben diese „Vibrissen“ um Fische im trüben Wasser aufstöbern zu können.

Zum Erstaunen der Pfleger lernen die Robben ab und an sogar voneinander, was eher untypisch ist. Ein Beispiel: Atos hat sich von einer anderen Robbe, Lea, abgeschaut, einen abgesunkenen Gegenstand zu bergen. Wenn Robben in freier Wildbahn Essen suchen und sammeln, sind sie sehr neugierig. „Und Neugierde zeugt ja immer von Intelligenz.“ Deshalb müssen die Raubtierpfleger die Robben immer unterhalten, vor allem durch zwei öffentliche Fütterungen täglich. Hinter den Kulissen beschäftigen sich die Zoowärter ebenfalls viel mit den Tieren, etwa beim Saubermachen der Gehege.

Zähne von Atos

Am Ende der Vorführung wirft Nadine Meffert die übrigen Fische ins Becken. Schnell stürzen sich die Robben darauf. Da zeigt sich, warum die Pflegerin trotz der Küsschen Respekt vor den Tieren hat.

Stichwort: Vibrissen
Vibrissen werden auch Tast-, oder Schnurrhaare genannt. Das sind Haare, die den Tieren im Gesicht, vor allem im Nasenbereich wachsen. Tasthaare sind spezielle Haare, das heißt, dass sie dicker, fester und länger sind als gewöhnliche Haare. Zudem sind sie auf das Tasten und Wahrnehmen der Umgebung spezialisiert.
Vibrissen besitzen vor allem nachtaktive Tiere oder Tiere, die im trüben Wasser unterwegs sind. Die Haare sind ein Hilfe um Nahrung aufzuspüren oder Gefahren wahrzunehmen.
Die Mähnenrobben benutzen ihre Schnurrhaare vor allem um im trüben Wasser Fische aufzuspüren. Die Tasthaare sind für die Tiere überlebenswichtig.

Dieser Artikel entstand beim Wissensschreiber-Workshop zum Thema „Tierische Intelligenz“ im August 2014 an der Akademie für Innovative Bildung und Management (aim) in Heibronn. Die Reportage schrieben Jean-Battiste A., Alisa B., Henri D. und Antonia M.

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