Unser geheimnisvoller Vorfahr

Vor über 100 Jahren wurde der Unterkiefer des Homo heidelbergensis gefunden und beschäftigt die Wissenschaft bis heute. Doch wie viel wissen wir tatsächlich über den 600 000 Jahre alten Urmenschen – und was sind nur erfundene Geschichten? Dieser Frage gingen die Wissensschreiber Ruven (13), Jana (15) und Walter (17) auf den Grund.

Der Homo-Heidelbergensis-Mann sitzt mit seinem kuschligen Bärenfell bekleidet auf dem kalten Steinboden seiner Höhle. Neben ihm liegt eine große hölzerne Keule, mit der er eben noch ein Mammut erlegt hat. Er reißt dem toten Tier einen Schenkel heraus und kaut genüsslich darauf herum. Ein kalter Wind weht in die Höhle und trägt erste Schneeflocken hinein. Grunzend begrüßt er seine Frau, die mit dem Säugling auf dem Rücken gerade vom Beerensammeln zurückkehrt.

Das ist vielleicht der wertvollste Unterkiefer der Welt: Sein Wert beträgt über 1 Mio Euro. © Wissensschreiber

Das ist vielleicht der wertvollste Unterkiefer der Welt: Sein Wert beträgt über 1 Mio Euro.
© Wissensschreiber/ Walter Hetmank

Dr. Johanna Kontny lächelt. „Eine schöne Geschichte – aber leider nicht mehr als eine völlig veraltete Vorstellung.“ Dr. Kontny ist Isotopen-Geochemikerin am Institut für Geowissenschaften in Heidelberg. Die Forscherin ist Expertin für den Homo Heidelbergensis und seine Zeit. Gemeinsam mit den beiden Doktoranden Seija Beckmann und Patrick Zell zeigt sie uns den Original-Unterkiefer des Homo Heidelbergensis. „Dies ist der 600 000 Jahre alte Holotyp des Homo Heidelbergensis. Ein Holotyp ist der erste Fund einer neuen Gattung. “

Dieser Holotyp wurde 1907 von dem Sandgrubenarbeiter Daniel Hartmann an seinem Arbeitsplatz in Mauer bei Heidelberg gefunden. Hartmann erkannte schnell, dass es sich um einen historisch wertvollen Fund handelt. Dieser Fund machte nicht nur in der Umgebung Heidelbergs, sondern in der ganzen Welt Schlagzeilen.

Hundert Jahre Forschung – muss man da nicht schon fast alles über den Homo Heidelbergensis und sein Leben wissen? „Leider nicht!“, meint Dr. Kontny. „Dieser Fund ist ein Holotyp. Deswegen dürfen wir nicht an ihm arbeiten. Um Genaueres zu erfahren, müssten wir eine Knochenprobe entnehmen – und das würde den Kiefer beschädigen.“ Natürlich versuchen die Forscher trotzdem, so viel wie möglich herauszufinden. Viele Erkenntnisse, die man bis heute über den Homo Heidelbergensis hat, basieren auf alten – oder hochmodernen Röntgenaufnahmen des versteinerten Kiefers. Auch spätere Funde aus der gleichen Zeit in Mauer, Spanien und Israel halfen, mehr über ihn herauszufinden.

Dies ist der Stoßzahn eines Waldelefanten. Die riesigen Tiere lebten vor 600 000 Jahren auch rund um Heidelberg. © Wissensschreiber

Dies ist der Stoßzahn eines Waldelefanten. Die riesigen Tiere lebten vor 600 000 Jahren auch rund um Heidelberg.
© Wissensschreiber/ Walter Hetmank

Auf unsere leicht enttäuschten Gesichter hin, meint Patrick Zell vom Heidelberger Institut für Geowissenschaften: „Ganz ahnungslos sind wir aber auch nicht. Selbst durch kleinste Funde wie Sandkörner lässt sich Einiges über die Umgebung des Homo Heidelbergensis aussagen.“ 
Die abgeschliffene Form der Sandkörner in Mauer beweist, dass der Neckar damals an Mauer vorbeifloss. In diesem Gebiet hat man Teile von Flußpferdskeletten gefunden. Diese Tiere lebten nur in warmen, frostfreien Regionen. Auch Waldelefanten, die unseren heutigen Elefanten ähneln, lebten hier.

Bärenschädel im Heidelberger Institut für Geowissenschaften. In Mauer gefunden. © Wissensschreiber

Bärenschädel im Heidelberger Institut für Geowissenschaften. In Mauer gefunden.
© Wissensschreiber/ Walter Hetmank

Durch den Fund von steinzeitlichen Grillplätzen in Ostdeutschland fanden Forscher einiges heraus: „Das waren Lagerstätten, und dort fanden Wissenschaftler viele Knochen von Rehen rund um eine Feuerstelle. Durch diesen Fund konnte man darauf schließen, dass der Homo Heidelbergensis sich auch von Rehen ernährte. Die gefährlichen Tiere wie Höhlenlöwen, Bären oder Säbelzahnkatzen mied er jedoch.“

Am brennendsten interessiert uns natürlich, ob unser 600 000 Jahre alter Vorfahre uns eigentlich ähnelte oder ganz anders aussah. „Wenn wir ihm auf der Straße begegnen würden, fänden wir ihn vermutlich nicht besonders schön“, sagt Seija Beckmann. „Er hat kein Kinn, dafür aber die starken ausgeprägten Augenwülste. Sein Schädel ist massiv und sein Gesicht breit. Von der Größe ist er uns mit 1,70 Meter ähnlich.“

Klischee oder Wirklichkeit? Zeichnung eines Homo Heidelbergensis. © Wissensschreiber

Klischee oder Wirklichkeit? Zeichnung eines Homo Heidelbergensis.
© Wissensschreiber/ Walter Hetmank

Dr. Kontny ergänzt: „Bei solchen Beschreibungen denkt man immer zuerst an einem Mann. Aber bei unserem Unterkiefer gibt es Hinweise darauf, dass es sich auch um eine Frau handeln könnte.“ Dafür spricht zum Beispiel, dass die Zähne besonders abgenutzt sind. Dies liegt daran, dass die Frauen früher bei Handarbeiten keine Scheren hatten. Stattdessen nutzten sie ihre Zähne, um Fäden abzutrennen.
„Einiges können wir tatsächlich beweisen, aber vieles nur erahnen“, sagt Dr. Kontny. „Eure Geschichte vom Anfang müsst Ihr jetzt wohl neu schreiben.“

Die Homo-Heidelbergensis-Frau sitzt auf dem Steinboden ihres Unterstands und näht einen neuen Jagdanzug aus Fell. Eine warme Brise weht durch das Lager. Ein bisschen entfernt sitzen mehrere Homo-Heidelbergensis-Männer auf einem Auerochsenfell. Neben ihnen liegen große hölzerne Wurfspeere mit scharfen Feuersteinklingen, mit denen sie eben noch ein Reh erlegt haben. Sie zerlegen das tote Tier mit Steinmessern, schneiden einzelne Stücke Fleisch heraus und braten es auf der Feuerstelle.

Zahn-Verlust
Während des zweiten Weltkrieges wurde der 600 000 Jahre alte Unterkiefer des Homo Heidelbergensis im Salzbergwerk Kochendorf (bei Heilbronn) eingelagert, um ihn vor möglicher Bombardierung in Heidelberg zu schützen. Als die Heidelberger Wissenschaftler nach Kriegsende den Kieferknochen aus dem Versteck herausholen wollten, war er nicht mehr da. Der Behälter, in dem er gesichert worden war, war leer. Verzweifelt suchten die Forscher nach dem wichtigen Fundstück. Sie durchkämmten das ganze Salzbergwerk. Sie fanden schließlich einen Schutthaufen, auf dem der Kiefer – zerbrochen in zwei Teile – lag. Es fehlten vier Zähne. Daraufhin durchsiebten die Wissenschaftler per Hand den ganzen riesigen Schutthaufen, auf der Suche nach den vier Zähnen. Zwei davon fanden sie schließlich, die anderen zwei sind bis heute verschollen.

Dieser Artikel entstand beim Wissensschreiber-Workshop zum Thema „Unsere Erde“ im September 2014. Die Autoren dieses Beitrags sind Ruven Bauer, Jana Bachert und Walter Hetmank.Die SWR-Reporterin Friederike Kroitzsch gab ihnen Tipps beim Recherchieren und Schreiben.

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